Europa auf dem Weg zur digitalen Souveränität

Internationale politische Veränderungen verursachen Unsicherheit in der Weltwirtschaft. Auch der Cybersicherheitssektor ist betroffen. Europa positioniert sich neu, mit dem Ziel, digitale Souveränität zu erreichen.

Zölle und Handelshemmnisse machen zunehmend auf die Abhängigkeit von transatlantischen IT-Dienstleistern und Sicherheitsanbietern aufmerksam – ein Umstand, der viele Unternehmen betrifft. In diesem Zusammenhang wird die Implementierung von Cybersicherheit zu einer besonderen Herausforderung. Digitale Souveränität gilt als Schlüssel zu einer Lösung, doch trotz zahlreicher innovativer Ansätze bleibt ihre Realisierung komplex.

"Wir erleben derzeit eine starke Dynamik für Europa", sagte Eventdirektor Thimo Holst zur Eröffnung der diesjährigen it-sa Expo&Congress. Handelskonflikte und Zölle verunsichern die Unternehmen und reagieren mit wachsender Besorgnis. Auch internationale IT-Giganten wie Samsung sind betroffen: Kunden machen sich Sorgen um Abhängigkeiten von Produkten und Komponenten. "Große Konzerne wollen nun eine schriftliche Bestätigung, wo Samsung produziert und wo unsere Lieferanten ansässig sind", sagt Tuncay Sandikci, der bei Samsung für das Geschäftskundensegment in Deutschland verantwortlich ist. "Seit April haben wir ein wachsendes Interesse daran gesehen", fügt er hinzu, als die Frage der Zölle in den Vereinigten Staaten aufkam. Auch die Anfragen haben zugenommen, wo sich die Server für die Knox Suite – Samsungs Unternehmenslösung zur Sicherung mobiler Geräte – befinden. Kunden sind beruhigt zu erfahren, dass diese sich in Südkorea oder, für Europa, in Dublin, Irland befinden. Einige Unternehmen fordern jedoch mehr: "Einzelne Kunden mit hohen Sicherheitsanforderungen wollen die Knox-Plattform vor Ort betreiben", fügt Sandikci hinzu. Dies kann auch angeordnet sein.

Topthema: Digitale Souveränität

Abhängigkeiten von transatlantischen IT-Anbietern geben vielen Unternehmen Anlass zur Sorge. Auslöser sind Veränderungen in der US-Politik und die Debatte über Zölle und Handelshemmnisse. Die Vereinigten Staaten gelten als Marktführer bei Technologien wie Cloud Computing und künstlicher Intelligenz, während China ebenfalls eine Vorreiterrolle spielt. Die Abhängigkeit von diesen Ländern für wichtige IT-Technologien zu verringern, ist das Ziel des viel diskutierten Konzepts der digitalen Souveränität. Auf der diesjährigen it-sa Expo&Congress war dies das übergreifende Thema. Es wird jedoch keineswegs als Autarkie verstanden. Internationale Zusammenarbeit bleibt wichtig. Dennoch könnte eine größere Unabhängigkeit, insbesondere von marktführenden Monopolisten, die Wirtschaft weniger anfällig für Störungen durch externe Faktoren machen. Doch Europa ist nicht nur von US-Technologien im Cloud Computing oder künstlicher Intelligenz abhängig. Diese Abhängigkeit erstreckt sich über weite Bereiche der IT, und insbesondere der Cybersicherheitssektor zeigt eine starke Dominanz der US-Anbieter. "Wir schätzen, dass derzeit rund 70 Prozent des Marktes von außereuropäischen Anbietern abgedeckt werden", berichtet Joanna Swiatkowska in einem Interview während der Messe. Sie ist Leiterin der European Cyber Security Organisation (ECSO), die die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren im Bereich Cybersicherheit fördern will. Rund 50 Prozent aller Akquisitionen und Fusionen europäischer Sicherheitsanbieter werden von Unternehmen außerhalb Europas durchgeführt, betonte sie auf der Pressekonferenz. Prominentes Beispiel ist die Übernahme des deutschen E-Mail-Sicherheitsspezialisten Hornetsecurity

Diese internationalen Entwicklungen rücken für Unternehmen zunehmend in den Fokus. Laut einer Umfrage des slowakischen Sicherheitsanbieters ESET erwägen daher 44 Prozent der befragten Unternehmen, ihren IT-Sicherheitsanbieter zu wechseln. 75 Prozent von ihnen würden europäische Anbieter bevorzugen. "In sensiblen Sektoren wie dem Gesundheitswesen planen 82 Prozent der Unternehmen, zu einem EU-Anbieter zu wechseln", heißt es in der Studie.

11 Milliarden Euro Markt

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind nicht zu unterschätzen, da allein in Deutschland das Marktvolumen laut Bitkom-Zahlen 11 Milliarden Euro beträgt. Swiatkowska stellt fest: "Der Cybersicherheitssektor ist ein Marktsegment mit starkem Wachstumspotenzial." Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst unterstützte diese Einschätzung mit aktuellen Jahreszahlen auf der Pressekonferenz: "Der deutsche Cybersecurity-Markt wächst um zehn Prozent, während der gesamte deutsche IT-Markt nur um fünf Prozent wächst." Dennoch liegt der Anteil deutscher Produkte am Weltmarkt unter fünf Prozent, kritisiert Wintergerst. Es ist daher entscheidend, das Bewusstsein für europäische Produkte zu schärfen und eine "Buy European" -Mentalität zu fördern, fordert Swiatkowska. EU-Produkte sollten stärker in Beschaffungsprozessen berücksichtigt werden.

Optionen sind verfügbar: "Es gibt Bereiche, in denen europäische Lösungen existieren und wettbewerbsfähig sind", sagt Maik Wetzel unter Bezugnahme auf seinen Arbeitgeber ESET, wo er für die strategische Geschäftsentwicklung in der DACH-Region verantwortlich ist. Im Hinblick auf die Cloud-Konnektivität haben ESET-Kunden Alternativen, da die Produkte auch lokal oder in hybriden Umgebungen betrieben werden können. "Darüber hinaus können Kunden bereits den Cloud-Standort wählen, zum Beispiel Deutschland", ergänzt Wetzel. Mit einem kurzen Blick hinter die Kulissen stellt er fest, dass ESET derzeit daran arbeitet, Kooperationen mit anderen europäischen Anbietern aufzubauen, um Synergien für Komplettlösungen zu schaffen. ESET ist bereits einer solchen Allianz beigetreten, dem Technology Alliance Program (TAP), wie viele andere auch. Auf dem it-sa Expo&Congress suchen Aussteller nach weiteren Möglichkeiten: "Wir nutzen die Messe auch für Treffen mit Anbietern, um zu sehen, wo Kooperation möglich ist", erklärt Wetzel. Auch der deutsche Industriesicherheitsspezialist Asvin könnte an solchen Partnerschaften interessiert sein. "Das Thema digitale Souveränität ist für unsere Kunden ein großes Anliegen", betont Mirko Ross, Sicherheitsexperte und CEO bei Asvin. Er warnt jedoch: "Die Wirtschaft allein wird das nicht regulieren können." Ross fügt hinzu: "Die großen Monopolisten in den Vereinigten Staaten sind durch öffentliche Aufträge und Verträge massiv gewachsen."

Keine schnelle Lösung in Sicht

Wintergerst hat auch Veränderungen in der Interaktion der Wettbewerber festgestellt: "Deutsche Anbieter sprechen viel mehr miteinander als früher", beobachtet er. Gleichzeitig warnt er vor überzogenen Erwartungen: "Wir werden amerikanische Produkte in den nächsten ein bis zwei Jahren nicht ersetzen können, das wäre völlig unrealistisch", ist er überzeugt. Schließlich ist der Status quo nicht über Nacht entstanden, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung. Viele US-Unternehmen sind aus einem bestimmten Grund Marktführer - "sie haben einfach gute Lösungen", sagt Wintergerst. Diese Lösungen sind oft zu einem festen Bestandteil etablierter Geschäftsprozesse geworden und können nicht einfach ersetzt werden. Diese Ansicht teilt Claudia Plattner, Präsidentin des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Auf der Pressekonferenz forderte sie eine "doppelte Strategie: Neue Technologien in Deutschland entwickeln und ausländische für uns sichern."

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